Ganzheitliche Begleitung

Lied "Christine" von Bodo Wartke

von Inga Ohlsen

Das Lied "Christine" von Bodo Wartke ist für mich etwas ganz Besonderes, denn es ist eines der wenigen Kunstwerke, die zeigen, wie es einem Geschwisterkind geht, wenn die Schwester oder der Bruder unerwartet sterben. Bodo Wartke singt auf eine sehr offene und tief berührende Art und Weise darüber, wie es sich für ihn anfühlt, dass seine jüngere Schwester Christine starb, als er noch klein war. In seinem Lied verbindet sich das Erleben des dreijährigen Kindes mit der Perspektive, die Bodo Wartke heute als Erwachsener auf seine Schwester und die Herzensbeziehung zu ihr hat.

Unten finden Sie den Liedtext und das ganze Lied können Sie sich hier auf YouTube anhören.

In einem kurzen Interview mit Ausschnitten aus dem Lied erzählt Bodo sehr offen darüber, wie das Lied in seinem Trauerprozess geholfen hat:

„In dem Moment, wo ich ein Lied darüber schreiben kann, ist es ein Akt der Verarbeitung und des Darüber-hinweg-Kommens und auch des Frieden-Schließens mit einer Sache. So ist es auch bei dem Lied über meine Schwester. Ich habe gemerkt, es macht was mit mir, nicht zu sagen, ich bin Einzelkind, sondern ich hab eine Schwester, sie ist nur nicht mehr am Leben. Das macht so viel mit mir, dass ich das Bedürfnis hatte, ein Lied darüber zu schreiben, für sie und über sie und diesen Verlust auch zu benennen und zu verarbeiten.

Das ist das persönlichste Lied, das ich je geschrieben habe. […] Jeder von uns hat einen geliebten Menschen verloren oder wird früher oder später einen geliebten Menschen verlieren. Das ist halt die Realität unseres Lebens. Und ich kann sagen, seit ich das Lied geschrieben habe, hat sich was getan. Lieder ermöglichen es mir rückblickend, Dinge auch umzudeuten, Sachen die schlimm sind in meinem Leben, in unserem Leben, also aus etwas Schlimmen etwas Schönes zu machen. So dass ich dann auch sagen kann, es war nicht schön, dass gewisse Dinge passiert sind, es war hart, es war traurig, es war schwierig. Aber es gibt dieses Lied und dieses Lied gäbe es nicht, wenn es nicht passiert wäre.“

Ein ausführlicheres Interview hat Bodo Wartke 2012 dem Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin Heiner Melching gegeben. Seine tiefen Worte ermutigen, die eigene Trauer auszudrücken und sie zu teilen. Am Ende kann sich für uns auf diese Weise ein Weg eröffnen, das Schlimme, das geschehen ist, in unser Leben zu integrieren und Frieden zu schließen. Unten zitiere ich einige besonders wichtige Passagen und kann sehr empfehlen, das Interview hier in ganzer Länge zu lesen.

"Die Menschen, mit denen ich spreche und die sich im Gästebuch äußern, sind dankbar dafür, dass ich sie so tief berühre. Ich habe ganz tolle Reaktionen bekommen – gerade von Menschen, die ein ähnliches Schicksal mit mir teilen. Sie fühlen sich sehr getröstet durch das Lied, weil ich ihrem und meinem Schicksal dadurch Ausdruck verleihe. Ich versuche dabei ja nicht jemanden zu trösten, indem ich sage, es ist alles gar nicht so schlimm. Doch, es ist so schlimm, wie es ist – aber allein die Tatsache, dass man mit seinem Schicksal nicht allein ist, tröstet. […]

Im Gästebuch meiner Homepage wird kein Lied öfter besprochen als dies. Und auch mir geht es mit dem Lied gut – in dem Moment, in dem ich das Lied singe, leide ich nicht darunter – ich singe es wirklich gerne, es tröstet mich. Das Schreiben des Liedes war ein wichtiger Verarbeitungsprozess – deshalb stehe ich inzwischen auch an einem anderen Punkt. Während ich das Lied geschrieben habe, bin ich hingegen durch einiges hindurchgegangen. Da sind beim Texten und Komponieren so einige Tränen geflossen. Da habe ich ganz bewusst und aktiv um meine Schwester getrauert. Und das Ergebnis ist so erfüllend, weil ich merke, dass ich musikalisch genau das zum Ausdruck bringen kann, was ich fühle.[…]

Es wird in unserer Gesellschaft ja häufig versucht, das Miterleben von Tod und Sterben vor allem von Kindern fernzuhalten. Und die Frage ist, ob das gut ist. Ich persönlich glaube, wenn wir früh realisieren, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, hilft es uns, das Leben mehr wertzuschätzen und manche Dinge nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen.[…]

Ich denke, das Entscheidende ist, was man mit seinen Erfahrungen macht. Alles, was mir im Leben widerfahren ist, Gutes wie Schlechtes, versetzt mich in die Lage, das zu tun, was ich mache, und der zu sein, der ich bin – und ich bin der, der ich bin. Ohne Christine hätte ich dieses Lied natürlich nie geschrieben – und vielleicht auch einige andere nicht. Oder ich hätte sie ganz anders geschrieben.

Frage: Haben Sie etwas von Christine gelernt?
Gute Frage. (Stille) Im Grunde ist es das, worüber wir ganz am Anfang sprachen, die Quintessenz des Liedes. Nur weil ein Mensch gestorben ist, ist er noch nicht weg. Oder wie in dem Lied, sie ist zwar nicht mehr hier, aber sie ist da. Und ich bin kein Einzelkind – ich bin nicht allein."

 

 

Christine (von der CD "Klaviersdelikte")

Ich erinner’ mich nicht mehr. Ich war noch zu klein.
Ich war gerade einmal drei und der Ält're von uns zweie'n.
Drei Jahre scheint wie ein beträchtlicher Betrag
zu dir im Vergleich, denn du wurdest nur einen Monat und einen Tag.

Dass es passieren würde, war im Grunde klar
und von Anfang an absehbar,
trotzdem brach es über uns herein wie eine Lawine.
Ich hab' dich nie geseh'n , Christine.

Als Mama an dem Tag nach Hause kam,
nahm sie mich wortlos in den Arm
und ich saß stundenlang auf ihrem Schoß.
Sie hielt mich fest und sie ließ mich seitdem nicht mehr los.

Man macht trotz aller Melancholie
so gut es geht im Leben eben irgendwie
zum bösen Spiel gute Miene,
funktioniert wie eine Maschine,
sucht Halt in Gestalt von alltäglicher Routine,
wahrt die äuß're Fassade, doch ist innerlich Ruine.
Du fehlst uns, Christine.

Ab und zu frag ich mich: was wäre wenn?
Wie es wohl wär', dich hier zu haben, wie es wohl wär', dich zu kenn'.
Was glaubst du, wie sehr wären wir einander gleich?
Wo wärst du jetzt? Wie wärst du heute? Vielleicht.

hättest du die Dickköpfigkeit von unserem Vater
oder machtest ab und zu genau wie ich Theater,
höchst wahrscheinlich wärst du eine ziemlich flotte Biene,
wie unsere Mutter früher, Christine.

„Haben Sie Geschwister?“, werd’ ich manchmal gefragt.
Nein, ich sei Einzelkind, hab’ ich früher immer gesagt.
Dabei war das ja aber eigentlich gar nicht wahr:
„Ich hab' eine Schwester.
Die ist zwar nicht mehr hier. Aber sie ist da.“

 

Text und Musik: Bodo Wartke, www.bodowartke.de
© Copyright 2012 Reimkultur Musikverlag GmbH & Co. KG,
Hamburg / Alle Rechte vorbehalten!
Fotografin: Nele Martensen

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